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Pressemitteilungen

Bundestagsrede von MdB Andrea Voßhoff am 07.07.2011 zum Gesetzentwurf für ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik

2011-07-07 Rede MdB Andrea Voßhoff (CDU) zum Gesetzentwurf für ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik, BT-Drs. 17/5450

 

Sehr geehrter Herr Präsident,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ lautet im ersten Absatz des ersten Artikels unseres Grundgesetzes die höchststehendste ethische Verpflichtung unseres Staates. Der Schutz der Würde eines jeden Einzelnen war nach den historischen Erfahrungen für die Mütter und Väter des Grundgesetzes im Parlamentarischen Rat 1948/49 die allererste und wichtigste, ja wahrhaft existentielle Aufgabe des jungen Staates Bundesrepublik Deutschland. Die Anerkennung und Achtung der Menschenwürde sollte das normative Fundament, die verbindliche Grundlage der neuen staatlichen Ordnung und unseres gemeinschaftlichen Zusammenlebens sein.

Für mich sind diese Überlegungen von damals nicht einfach nur historisch, für mich sind sie auch heute noch substantiell. Sie bilden auch heute noch unsere gemeinsame ethische Basis.

Und was kennzeichnet vor diesem ethisch-verfassungsrechtlichen Hintergrund denn nun unser menschliches Leben?

Das ist vor allem anderen seine individuelle Subjektstellung: Der Mensch ist „Zweck an sich selbst“ wie es Kant 1785 in seiner Grundlegung der Metaphysik der Sitten schreibt. Das Dasein des Menschen ist ein „Dasein an sich selbst.“ wie es unser Bundesverfassungsgericht knapp 210 Jahre später 1993 (BVerfGE 88, 203 [252]) ausgedrückt hat. Beide deuten auf den gleichen Kern: Der Mensch ist als Mensch niemand anderem zum Zweck, sein Leben darf nicht äußeren Zwecken unterworfen oder Projektionsfläche dergleichen werden, weder zur Freude noch aus Sorge. In diesem verfassungsrechtlich geschützten Bewusstsein, in dieser ethisch-rechtlichen Sicherheit darf jeder Mensch um seiner selbst willen leben, er muss niemand anderem zum Zwecke sein. Sein Existenzrecht braucht er nicht selbst zu begründen, seine Existenz bedarf auch nicht der Rechtfertigung oder Definition durch äußere Zwecke oder durch Dritte. Er darf sich bedingungslos so angenommen fühlen, wie er ist.

In Karl Jaspers „Der Philosophische Glaube angesichts der Offenbarung“ findet diese existentielle Zweck-Losigkeit einen wunderbaren, freudvollen Ausdruck, wenn er schreibt:

„Ich komm, ich weiß nicht woher,

Ich bin, ich weiß nicht wer,

Ich sterb, ich weiß nicht wann,

Ich geh, ich weiß nicht wohin,

 Mich wundert’s, dass ich fröhlich bin“

Es ist nicht weniger als diese bisherige existentielle Sicherheit und die Einzigartigkeit der Würde eines jeden Einzelnen, die mit der Einführung der PID auf dem Spiel steht, abgeschafft, mindestens aber nachhaltig beschädigt und ausgehöhlt zu werden. 

Mit der PID soll technisch-systematisch versucht werden, dem Leben eine Sicherheit abzuverlangen, derer wir doch niemals habhaft werden können. Mit der Wucht der medizinisch-technischen Möglichkeiten der Moderne soll das Schicksal eingefangen werden, und doch wird das Leben niemals planbar sein.

Ob man es will oder nicht, ob man diese Konsequenz ablehnt oder nicht: Mit der PID wird der Mensch ein Stück mehr seiner unverfügbaren Würde beraubt. Er wird zum klinisch-methodisch abgesicherten Resultat, zur Summe von Untersuchungen. Er wird danach in dem Bewusstsein leben müssen, das Produkt einer genetischen Abwägung seiner Eltern zu sein und  in dem Bewusstsein, im Falle eines anderen Befundes, verworfen worden zu sein. Sein Lebensrecht beruht dann nicht mehr auf der existentiellen Sicherheit, aus sich selbst heraus leben zu dürfen, sondern auf der schlichten Feststellung, von seinen Eltern nicht genetisch selektiert worden zu sein. Er muss in dem Bewusstsein leben, gezeugt, aber nur unter Bedingungen angenommen worden zu sein.

Meinem Verständnis vom christlichen Menschenbild entspricht das nicht.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich bin zur heutigen Entscheidung auch von sehr vielen Eltern und Familien angeschrieben worden, die mich trotz eines schweren Schicksalsschlages baten, mich für ein klares Verbot der PID einzusetzen. Diese Zuschriften waren oft auch sehr persönlich und bewegend. Ich möchte eine hier einmal ganz besonders herausheben – anonym natürlich: Es ist die bewegende Geschichte von einer jungen Familie, deren Tochter aufgrund eines genetischen Herzfehlers nach nur 2 Tagen verstorben ist. Die Familie lehnte dabei bewusst vorgeburtliche Untersuchungen an ihrer Tochter ab. Ich möchte Ihnen einfach einmal eine Passage aus dem Brief vorlesen, wie ich ihn bekommen habe. Ich zitiere: „Unmittelbar nach der Geburt sahen sich die Ärzte veranlasst, auf Grund von äußerlichen Auffälligkeiten eine chromosomale Untersuchung bei unserer Tochter durchzuführen – mit dem Ergebnis, dass sie nicht mehr lange lebensfähig sei. Auf der Intensivstation wurde das beiliegende Foto von ihr gemacht. Am Tag darauf zogen sich die Ärzte zurück und vertrauten mir, der Mutter, unsere Tochter an. Später in der Nacht, von einer Sekunde auf die andere, wurde für mich ihr unmittelbarer Tod offenkundig. Schnell taufte ich sie auf den Namen .... Ihr Gesicht strahlte auf, und im gleichen Augenblick schlief sie friedlich ein. Kurz danach ist mir als Mutter bewusst geworden, wie sehr ich durch unsere Tochter beschenkt wurde. Wir sind unendlich dankbar für diese Erfahrung mit ihr. Sie ist uns ein großes Geschenk geworden und gehört zu unserer Familie, obwohl sie nur 51 Stunden gelebt hat.“

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das, was viele Philosophen über die Einzigartigkeit menschlichen Lebens gedacht haben, was die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes als erste und wichtigste Schutzpflicht unseres Staates aufgeschrieben haben, was Karlsruhe so knapp und treffend formuliert hat, das hat diese Mutter schlicht in ihrem Herzen gefühlt: Das Leben eines Menschen ist einzigartig, so wie es ist.

Lassen Sie uns nicht die Tür öffnen, für einen Weg, der wegen vermeintlicher Segnungen der modernen Medizin diese elementarsten Grundlagen unserer Existenz aus den Augen verliert. Ich werbe daher für ein Verbot der PID.

(Hinweis: Diese Rede wurde zu Protokoll gegeben.)

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